Gut gemeint, reicht nicht

„Frauen müssen sich auf der Arbeit halt auch mal trauen, für sich einzustehen.“ Wenn ich diesen Satz und ähnliche (oftmals gut gemeinte) Tipps höre, würde ich mein Gegenüber am liebsten an der Schulter packen und im Rhythmus meiner Worte schütteln:

1. Punkt:
Ja, es ist gut gemeint.
Nein, es bringt trotzdem nichts.

2. Punkt:
Frauen werden ihr ganzes Leben darauf getrimmt die soziale, vermittelnde Rolle einzunehmen. Es beginnt schon damit, dass wir unseren Brüdern das letzte Stück Kuchen überlassen, weil die Gescheitere ja nachgibt und der Frieden wertvoller ist als Kuchen. Wir vermitteln, verzichten, nehmen uns zurück und uns selbst nicht so wichtig, denn – so das grosse Versprechen – wenn wir das artig tun, dann wird uns irgendwann einfach gegeben. Ganz ohne Forderung und ohne Durchsetzen.

Und dann warten wir. Darauf dass es endlich soweit ist. Während Thomasse und Markusse an uns vorbeibefördert werden. Wir warten lange. Viel zu lange. Denn erst ist es ein Zufall. Dann ein Unfall. Und erst wenn es sich zum dritten, vierten Mal wiederholt, merken wir: Das ist ein Muster. 💩

Und dann beklagen wir uns (im besten Fall, im schlimmsten leiden wir still und hoffen weiterhin). Und dann, DANN heisst es plötzlich: Dasda, dieses Verhalten mit Verzicht, das ist völlig idiotisch, sowas hättest Du halt nicht tun sollen. Ist doch logisch, dass Du so nichts kriegen kannst. 🫠🤢😡

Und dann, spätestens dann, regen wir uns auf. 🤬

Und was hören wir dann? „Toll, endlich stehst Du für Dich ein und forderst was Du brauchst!“?

Nein. Wir hören: „Heyheyhey, jetzt mal nicht so emotional Frolläin. In diesem Tonfall diskutieren wir gar nichts. Versuchs mal mit Freundlichkeit, statt mit Aggression. Das steht Dir nicht.“ ☝🏻

#BacklashEffect und #DoubleBind lassen grüssen.

Und das gilt übrigens auch für all die andern Tipps wie „Setz Dich mal durch / fordere halt auch mal einen höheren Lohn ein / zeig doch mal Initiative /übernimmt halt auch die Führung / …

Was Du wirklich brauchst, ist die Möglichkeit Dich mit jemandem auszutauschen, die die gleiche Lebensrealität teilt, sprich: mit einer Frau in einer Führungsposition.

Genau darum begleite ich Frauen in Führungspositionen. Ich selber weiss genau, was es heisst, in einem männerdominierten, traditionellen Umfeld zu arbeiten und da eine Führungsrolle innezuhaben. ABER: Ich verstehe nicht nur Deine Situation, sondern ich sehe auch hinter die Kulissen und verstehe die strukturellen Bedingungen die dazu geführt haben. Und mit diesem Wissen finden wir gemeinsam mit Deinem Arbeitgeber einen Weg aus dem Teufelskreis.

Wann hast Du das letzte Mal (gutgemeinte) nutzlose Tipps erhalten?

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